Ein stiller Text über das, was größer ist als Nähe
Prolog
Manchmal entsteht Nähe nicht durch Worte,
sondern durch einen einzigen Blick.
Manchmal ist das, was unausgesprochen bleibt,
bedeutungsvoller als alle Worte.
Und manchmal ist das, was nicht geschieht,
wahrhaftiger und tiefer als alles, was geschehen könnte.
Im Zwischenraum
Lebendige Spiegel der Seelen
Er sah sie zum ersten Mal an einem Mittwoch.
Es war nichts Besonderes an diesem Tag – zumindest nicht für die Welt.
Sein Leben, in dem bislang alles ineinandergriff und funktionierte,
bekam einen Riss.
Sie stand an der Ampel gegenüber,
einen Becher Kaffee locker in der Hand.
Ihre blonden Haare bewegten sich im Frühlingswind.
Ihr Blick glitt über das Geschehen – wie durch eine Glasscheibe.
Menschen eilten aneinander vorbei, sprachen, warteten.
Alles war in Bewegung.
Und seltsam leer.
Sein Blick fiel auf sie.
Nicht suchend.
Ohne Absicht.
Sie merkte es.
Und ließ ihn zu.
Für einen Moment blieb alles stehen.
Für sie war es, als würde jemand die Hand unter ihr Leben legen.
Und in ihm öffnete sich etwas,
das in seinem Leben lange still gewesen war.
Beide gingen ihren Weg, als wäre nichts geschehen.
Doch seit diesem Tag bemerkte er sie –
An der Ampel,
zwischen den Menschen, die alle irgendwohin wollten.
Sie war nie laut.
Nie auffällig.
Und doch war sie da.
Still.
Leicht.
Lebendig.
Er sprach sie nie an.
Sie ihn auch nicht.
Aber manchmal trafen sich ihre Blicke.
Und für einen Moment…
…verließ ihn die Welt, in der alles immer funktionieren musste.
Nachklang
Eine Miniatur aus dem Raum dazwischen
Beide blieben berührt.
Nicht mit Händen.
Sondern mit einem Blick,
der sich nicht abwenden konnte.
Mit einem Schweigen,
das mehr sagte als jedes Wort –
Im Raum zwischen ihren Blicken.
Autorin: Sylvia Maria Schulz
